Kultstätte "Zamczysko"
Auf dem blauen Wanderweg Bialowieza – Siemianowka
Auf einer Länge von 40 Kilometern erstreckt sich der blaue Wanderweg. Vor allem der nördliche Teil der Wanderroute führt durch wenig besuchte und wildere Regionen, wie etwa entlang der westlichen Grenze des Strengen Schutzgebietes. Auf seinem Weg passiert man einen geheimnisvollen und legendenreichen Ort, die Kultstätte Zamczysko.
Der Ort Zamczysko ist nur wenige Kilometer nordöstlich der Königseichen gelegen. Mit dem Auto kommend, stellt man dieses am besten am Parkplatz bei dem Weg der Königseichen ab. Nun folgt man dem nichtasphaltierten Weg Narewkowska Droga nach Norden und überquert dabei die Brücke über die Lutownia. Bald darauf verlässt der blaue Wanderweg den gelben und damit die Strasse nach Norden Richtung Narewka. Mit ihm biegt man östlich ab und folgt ihm in den Wald. Teilweise kann es jetzt sehr schlammig werden, doch die Wegränder bieten in der Regel Ausweichmöglichkeiten. Nach einigen hundert Metern trifft der Wanderer auf eine Lichtung und betritt sogleich die Zone des Naturschutzreservates ‚Natürliche Wälder’. Deutlich sind unmittelbar vor dem Schutzbereich die Spuren der Abholzung aus dem Frühjahr 2008 zu sehen, doch selbst innerhalb dieses Schutzgebietes mit dem vielversprechenden Namen kann der Wanderer bereits ein Jahr später neue Baumstümpfe in Sichweite des Weges begutachten. Nach kurzer Strecke deutet ein Wegweiser mit der Bezeichnung Zamczysko auf einen schmalen Pfad hin zu einem kleinen Hügel mitten im Wald. Dem Pfad folgend, findet sich eine Ansammlung von größeren Steinen, zwischen denen einige alte Bäume wachsen. Der Name Zamczysko (auf Deutsch altes Schloss) sollte von einem alten Schloss der polnischen Könige zeugen, dessen helle Kieferntürme (poln. biala wieza = deut. weisser Turm) den Namen des naheliegenden Ortes, des ganzen Urwaldes und der gesamten Region bestimmen sollten.
Der einige Jahrhunderte dauernde Schutz dieses Gebietes als königliches Gut bewahrte nicht nur die Natur, sondern auch die Spuren menschlichen Wirkens. In anderen Regionen wurde die Natur wiederholt umgepflügt und verändert, aber hier konnten in den letzten Jahrhunderten riesige Bäume unbekümmert heranwachsen. Bäume - die Zeugen längst vergessener Zeiten sind. Selbst heute kann man im Bialowieza Wald immer noch alte, wenn auch sehr schwach sichtbare Wege, Lichtungen mit Spuren von Holzstapeln zum Köhlern, alte Begräbnisstätten, Grabhügel (Kurhany) oder Steinkreise entdecken.
Es geschah um das Jahr 1820, als in den umliegenden Dörfern und Orten eine Legende von einem unterirdischen, versteckten Schatz erzählt wurde. Dieser sollte von dem Bauer Maksym Niedzwiedzki aus dem Dorf Tuszemla zufällig entdeckt worden sein. Es wurde erzählt, dass dieser einst im Wald bei der Kultstätte Obolonie, die heute Zamczysko heißt, nächtigen musste. Während er der Nacht ausharrte, geschah es, dass sich unter ihm Erde auftat und er sich in einer Höhle wiederfand. In der Höhle funkelten Kisten prall gefüllt mit Silber- und Goldmünzen. Wieder heimgekehrt, verbreitete sich die Kunde schnell und alsbald empfahl sogar der der Bruder des Zaren Nikolaus I., dem Großfürsten Konstantin das Gebiet vom ansässigen Gouverneur Hrodnas durchsuchen zu lassen. Trotz der folgenden Bemühungen konnten keine Schätze gefunden werden, aber anderes förderte man zu Tage. Skelette menschlicher Herkunft und ein Fundament eines großen Gebäudes wurden freigelegt. Neben jedem Schädel fanden sich Scherben kleiner Gefäße.
Die Legende Zamczysko lebte weiter. 1826 erschien ein Buch des deutschen Forstmannes und Forstwissenschaftlers Julius von den Brinken unter dem Titel Mémoire descriptif sur la forêt impériale de Białowieża en Lithuanie (ISBN 2-9521102-1-2)(Beschreibung des Zarschen Bialowieza Urwaldes in Litauen). Im Auftrag des Zaren beschrieb er in der Rolle eines polnischen Generalforstmeisters den Urwald von Bialowies. Ergebnis war dieses in französischer Sprache verfasste Buch, welches er dem Zaren Nikolaus I. widmete. Dieser dankte es ihm mit einem Brilliantring im Wert von 2000 Rubel. Von den Brinken berichtete, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass hier einst ein Jagdschloss mit einem weißen Turm stand. Dieses Schloss wäre im Besitz der polnischen Könige gewesen und Namensgeber des benachbarten Ortes und des Urwaldes. Diese Auffassung wurde jedoch nicht von allen Zeitgenossen geteilt. Eugeniusz de Ronke, ein Augenzeuge der Ausgrabungen des Jahres 1825 vermutete, dass es sich um ein Ort slawischer Heidengräber handelte und der dem Namen Zamczysko (altes Schloss) nicht gerecht wird. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Ort zu einer touristischen Attraktion.

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Quellennachweis
- Zamczysko w Puszczy Białowieskiej von Dariusz Krasnodębski und Tomasz Samojlik (30.11.2008)




