www.bialowieza-info.eulogo

polski deutsch english русский

Kultstätte "Zamczysko"

Auf dem blauen Wanderweg Bialowieza – Siemianowka

Abzweig des blauen Wanderwegs in Richtung Zamczysko Auf einer Länge von 40 Kilometern erstreckt sich der blaue Wanderweg. Vor allem der nördliche Teil der Wanderroute führt durch wenig besuchte und wildere Regionen, wie etwa entlang der westlichen Grenze des Strengen Schutzgebietes. Auf seinem Weg passiert man einen geheimnisvollen und legendenreichen Ort, die Kultstätte Zamczysko.

Der Ort Zamczysko ist nur wenige Kilometer nordöstlich der Königseichen gelegen. Mit dem Auto kommend, stellt man dieses am besten am Parkplatz bei dem Weg der Königseichen ab. Nun folgt man dem nichtasphaltierten Weg Narewkowska Droga nach Norden und überquert dabei die Brücke über die Lutownia. Bald darauf verlässt der blaue Wanderweg den gelben und damit die Strasse nach Norden Richtung Narewka. Mit ihm biegt man östlich ab und folgt ihm in den Wald. Teilweise kann es jetzt sehr schlammig werden, doch die Wegränder bieten in der Regel Ausweichmöglichkeiten. Nach einigen hundert Metern trifft der Wanderer auf eine Lichtung und betritt sogleich die Zone des Naturschutzreservates ‚Natürliche Wälder’. Deutlich sind unmittelbar vor dem Schutzbereich die Spuren der Abholzung aus dem Frühjahr 2008 zu sehen, Im Reservat 'Natürliche Wälder' (April 2009)doch selbst innerhalb dieses Schutzgebietes mit dem vielversprechenden Namen kann der Wanderer bereits ein Jahr später neue Baumstümpfe in Sichweite des Weges begutachten. Nach kurzer Strecke deutet ein Wegweiser mit der Bezeichnung Zamczysko auf einen schmalen Pfad hin zu einem kleinen Hügel mitten im Wald. Dem Pfad folgend, findet sich eine Ansammlung von größeren Steinen, zwischen denen einige alte Bäume wachsen. Der Name Zamczysko (auf Deutsch altes Schloss) sollte von einem alten Schloss der polnischen Könige zeugen, dessen helle Kieferntürme (poln. biala wieza = deut. weisser Turm) den Namen des naheliegenden Ortes, des ganzen Urwaldes und der gesamten Region bestimmen sollten.

Abzweig vom blauen Wanderweg in Richtung Zamczysko Der einige Jahrhunderte dauernde Schutz dieses Gebietes als königliches Gut bewahrte nicht nur die Natur, sondern auch die Spuren menschlichen Wirkens. In anderen Regionen wurde die Natur wiederholt umgepflügt und verändert, aber hier konnten in den letzten Jahrhunderten riesige Bäume unbekümmert heranwachsen. Bäume - die Zeugen längst vergessener Zeiten sind. Selbst heute kann man im Bialowieza Wald immer noch alte, wenn auch sehr schwach sichtbare Wege, Lichtungen mit Spuren von Holzstapeln zum Köhlern, alte Begräbnisstätten, Grabhügel (Kurhany) oder Steinkreise entdecken.

Es geschah um das Jahr 1820, als in den umliegenden Dörfern und Orten eine Legende von einem unterirdischen, versteckten Schatz erzählt wurde. Dieser sollte von dem Bauer Maksym Niedzwiedzki aus dem Dorf Tuszemla zufällig entdeckt worden sein. Es wurde erzählt, dass dieser einst im Wald bei der Kultstätte Obolonie, die heute Zamczysko heißt, nächtigen musste. Während er der Nacht ausharrte, geschah es, dass sich unter ihm Erde auftat und er sich in einer Höhle wiederfand. In der Höhle funkelten Kisten prall gefüllt mit Silber- und Goldmünzen. Wieder heimgekehrt, verbreitete sich die Kunde schnell und alsbald empfahl sogar der der Bruder des Zaren Nikolaus I., dem Großfürsten Konstantin das Gebiet vom ansässigen Gouverneur Hrodnas durchsuchen zu lassen. Trotz der folgenden Bemühungen konnten keine Schätze gefunden werden, aber anderes förderte man zu Tage. Skelette menschlicher Herkunft und ein Fundament eines großen Gebäudes wurden freigelegt. Neben jedem Schädel fanden sich Scherben kleiner Gefäße.

Zamczysko - Überreste eines altslawischen Friedhofs Die Legende Zamczysko lebte weiter. 1826 erschien ein Buch des deutschen Forstmannes und Forstwissenschaftlers Julius von den Brinken unter dem Titel Mémoire descriptif sur la forêt impériale de Białowieża en Lithuanie (ISBN 2-9521102-1-2)(Beschreibung des Zarschen Bialowieza Urwaldes in Litauen). Im Auftrag des Zaren beschrieb er in der Rolle eines polnischen Generalforstmeisters den Urwald von Bialowies. Ergebnis war dieses in französischer Sprache verfasste Buch, welches er dem Zaren Nikolaus I. widmete. Dieser dankte es ihm mit einem Brilliantring im Wert von 2000 Rubel. Von den Brinken berichtete, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass hier einst ein Jagdschloss mit einem weißen Turm stand. Dieses Schloss wäre im Besitz der polnischen Könige gewesen und Namensgeber des benachbarten Ortes und des Urwaldes. Diese Auffassung wurde jedoch nicht von allen Zeitgenossen geteilt. Eugeniusz de Ronke, ein Augenzeuge der Ausgrabungen des Jahres 1825 vermutete, dass es sich um ein Ort slawischer Heidengräber handelte und der dem Namen Zamczysko (altes Schloss) nicht gerecht wird. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Ort zu einer touristischen Attraktion.

Henryk Sienkiewicz und Zygmunt Gloger an einem Eichenstubben (1882)
Henryk Sienkiewicz und Zygmunt Gloger an einem Eichenstubben (1882)
wikimedia commons
Zu den Zeiten der Teilungen Polens waren diese großen und geheimnisvollen Fundamentreste ein willkommenes Symbol altpolnischer Herrschaft, bildeten sie doch damit eine Grundlage für ermutigende patriotische Legenden. Das Besichtigen Zamczyskos war ein wichtiger Bestandteil eines Ausfluges in den Urwald Bialowiezas. Zamczysko zog viele Gebildete wie den polnischen Historiker, Archäologen und Ethnographen Zygmunt Gloger an. Der polnische Schriftsteller Henryk Sienkiewicz fragte, ob das weiße Schloss von den Jatwingern herrührt oder vielleicht Bauwerk litauischer Fürsten war. Die polnische Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa schrieb in einem Werk über ein Schloss polnischer Fürsten, die von den Mandelgärten am Dnepr bis hin zu den Bernsteinküsten der Ostsee herrschten und in der Region des Bialowieza Urwaldes jagten. Der russische Schriftsteller und Offizier Georgii Karzow (russ. Георгий Карцов) wählte in seinem Buch über die Geschichte des Uwaldes („Беловежская пуща 1382-1902“ ISBN: 985-04-0525-2) diesen Ort für das Schloß des polnischen Königs Batory.

Ein Stein der längst vergangenen Gräberkultur auf Zamczysko? Heute finden sich in Zamczysko keine großen Steine mehr, die für ein Fundament hätten dienen können. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie für den Bau des Zarenpalastes in Bialowieza verwendet und aus den kleineren Steinen wurde in den Jahren 1939-41 ein Kopfsteinpflaster auf der Strasse von Hajnowka nach Swinoroje gelegt. In der 70ern führte Irena Górska, Archäologin aus dem Archäologischen und Ethnologischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften Untersuchungen der Oberfläche durch. Aufgrund deren konnte festgestellt werden, dass die Stätte durch die zahlreiche Ausgrabungen zerstört worden ist. Die in Reiseführen oft mystisch ausgemalte Legende zog viele Schatzsuchende mit Metalldetektoren in den Wald. Die Untersuchungen zeigten zwar, dass die gefundenen Keramikerzeugnisse aus dem 11.-13. Jahrhundert waren, aber sie bestätigten keinesfalls die Hypothese eines Schlosses.

Grabhügel im Nationalpark Während des ersten Weltkrieges untersuchten der Deutsche Alfred Götze und später die Polin Irena Górska slawische Friedhöfe mit Grabhügeln und flachen Steingräbern. Im Herbst 2003 führten das Institut für Säugetiereforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften und das Archäologische und Ethnologische Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften Untersuchungen zur Klärung des Geheimnisses von Zamczysko durch. Gefunden wurden menschliche Knochen, Fragmente von Keramikerzeugnissen, Reste vom verbrannten Holz. Wahr war also die Vermutung, dass es sich bei Zamczysko um kein altes Schloss handelte, sondern um einen Friedhof aus dem 10.-13. Jahrhundert. In diesem Zeitraum kolonisierten den Urwald zwischen Bug und Narew die ostslawischen Dregowitschen und die westslawischen Masowier. Die Grabstätten der Masowier waren flach und von Steinen umkreist, die der Dregowitschen Grabhügel. Im Bialowieza Urwald gibt es nicht nur beide Grabformen, sondern auch Mischformen, da sich hier die Kulturen überlappten. In der Nähe Zamczyskos und anderer Friedhöfe des Urwaldes gibt es unter der Erdoberfläche versteckte und mit Jahrhunderte alten Bäumen bewachsene slawische Siedlungen. Auf den Verbindungswegen zwischen den Siedlungen und Friedhöfen laufen heute nur noch die Wisente.

Quellennachweis